Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Überleben im Notfall ist keine Frage von Listen, sondern von Prinzipien. Die meiste Ausrüstung ist nutzlos ohne das Wissen, warum sie funktioniert.

  • Wärmemanagement ist Priorität #1: Ein leichter Biwaksack ist wichtiger als ein dickes Zelt, da er den Wärmeverlust durch Wind und Nässe direkt bekämpft.
  • Kommunikation ist Ihre Lebensversicherung: Wo das Handynetz versagt, kann nur ein Satelliten-Tracker einen Notruf absetzen.
  • Kompetenz schlägt Ausrüstung: Das Wissen um grundlegende Erste-Hilfe-Maßnahmen (ABCDE-Schema) ist entscheidender als der Inhalt des Verbandskastens.

Empfehlung: Auditieren Sie Ihre Ausrüstung nicht danach, was Sie mitnehmen, sondern danach, ob Sie verstehen, wie jeder Gegenstand Ihre physiologische Wärmebilanz, Hydration und Sicherheit im Ernstfall sicherstellt.

Jeder Wanderer kennt das Gefühl: Der Rucksack ist gepackt, die Route studiert, die Vorfreude auf Gipfelpanorama und Naturerlebnis ist riesig. Man packt für den perfekten Tag. Doch was passiert, wenn aus dem perfekten Tag ein Albtraum wird? Wenn Nebel aufzieht, ein Gewitter Sie zur Umkehr zwingt oder eine kleine Verletzung Sie aufhält, bis die Dunkelheit hereinbricht. Plötzlich geht es nicht mehr um den Gipfel, sondern ums nackte Überleben. Viele Ratgeber präsentieren Ihnen dann einfache Packlisten – eine trügerische Sicherheit.

Die gängige Meinung ist, dass eine umfangreiche Ausrüstung automatisch Sicherheit bedeutet. Man verlässt sich auf eine Regenjacke, ein Erste-Hilfe-Set aus dem Discounter und die Hoffnung auf Handyempfang. Doch was, wenn der Wind den Regen durch die Jacke peitscht, die Verletzung mehr als ein Pflaster benötigt und der Akku leer ist? Die wahre Vorbereitung liegt nicht im Abhaken einer Liste, sondern im Verständnis der gnadenlosen Physik und Physiologie des Überlebens am Berg.

Dieser Leitfaden bricht mit dem Mythos der Packliste. Statt nur das „Was“ zu benennen, tauchen wir tief in das „Warum“ ein. Sie werden verstehen, warum ein 100-Gramm-Sack Ihr Leben retten kann, während ein 2-Kilo-Zelt versagt. Sie lernen, technische Daten wie „Lumen“ und „Wassersäule“ nicht als Marketing-Gags, sondern als knallharte physikalische Größen zu interpretieren, die über Ihre Wärmebilanz und Handlungsfähigkeit entscheiden. Es geht darum, sich das Wissen anzueignen, das aus einem einfachen Ausrüstungsgegenstand ein lebensrettendes Werkzeug macht. Denn im Ernstfall zählt nicht, was Sie im Rucksack haben, sondern ob Sie wissen, wie Sie es einsetzen, um die nächste Nacht zu überstehen.

Für alle, die einen visuellen Einblick in die Arbeit der Profis bevorzugen: Das folgende Video zeigt, wie Bergretter im Ernstfall vorgehen. Es verdeutlicht eindrücklich, warum eine gute Vorbereitung und die Fähigkeit, einen präzisen Notruf abzusetzen, entscheidend sind.

Dieser Artikel ist strukturiert, um Ihnen dieses tiefere Verständnis schrittweise zu vermitteln. Wir analysieren die Kernelemente des Überlebens – von der Abwehr der Kälte bis zur Sicherstellung der Kommunikation – und geben Ihnen das Rüstzeug, um im Notfall die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das folgende Inhaltsverzeichnis führt Sie durch die entscheidenden Wissensbereiche.

Notfall-Plastiktüte oder atmungsaktiver Sack: Was verhindert Unterkühlung wirklich?

Die größte Gefahr bei einem ungeplanten Biwak ist nicht Hunger oder Dunkelheit, sondern die Hypothermie (Unterkühlung). Ihr Körper verliert Wärme durch vier Mechanismen: Konvektion (Wind), Evaporation (Nässe/Schweiß), Strahlung und Konduktion (Bodenkontakt). Eine einfache Rettungsdecke reflektiert zwar Wärmestrahlung, ist aber gegen Wind und Nässe nahezu wirkungslos und zerreißt leicht. Ein Biwaksack ist hier die überlegene Lösung. Er ist eine geschlossene Hülle, die primär den Wärmeverlust durch Wind (Konvektion) und Nässe (Evaporation) stoppt – die beiden aggressivsten Wärmeräuber.

Die Debatte zwischen einer simplen Plastiktüte (VBL – Vapor Barrier Liner) und einem atmungsaktiven Gore-Tex-Sack ist eine physikalische Abwägung. Ein nicht-atmungsaktiver Sack stoppt den Wärmeverlust durch Verdunstung komplett, führt aber dazu, dass Ihr eigener Schweiß innen kondensiert und Ihre Kleidung durchnässt – eine tickende Zeitbombe. Ein atmungsaktiver Sack erlaubt dem Wasserdampf zu entweichen, was den Wärmeverlust durch Verdunstung zwar nicht stoppt, aber Ihre Isolation trocken hält. Für ein Notfall-Biwak, bei dem es um Stunden, nicht Tage geht, ist ein leichter, robuster und absolut winddichter Sack der beste Kompromiss. Die Ausrede, ein solcher Sack sei zu schwer, zählt nicht mehr: Ein moderner Notfall-Biwaksack, der über Leben und Tod entscheiden kann, wiegt laut Experten der Akademie Alpinewelten oft nur 108 Gramm.

Fallstudie: Die Tragödie am Pigne d’Arolla 2018

Am 29. April 2018 starben sieben Bergsteiger im Schneesturm an der Pigne d’Arolla, nur 20 Gehminuten von der rettenden Hütte entfernt. Keine der beiden Gruppen hatte einen Biwaksack dabei. Der Vorfall zeigt auf tragische Weise, was der direkte Kontakt mit Wind und Wetter bedeutet. Eine andere Gruppe überlebte, weil sie sich hinter einem kleinen Wall aus Steinen und Schnee schützen konnte. Ein Biwaksack hätte hier als künstlicher, winddichter Unterschlupf den entscheidenden Unterschied gemacht.

Die Wahl des richtigen Modells hängt vom geplanten Einsatz ab. Für den reinen Notfall reicht ein ultraleichter Ein-Personen-Sack. Wer regelmäßig in Gruppen oder im Winter unterwegs ist, sollte über einen „Bothy-Bag“ (Windsack) nachdenken, der mehreren Personen Schutz bietet und Pausen sicherer macht.

Satelliten-Tracker (Garmin inReach): Lohnt sich die Anschaffung für Alpen-Wanderer?

Die beste Ausrüstung ist nutzlos, wenn im Notfall niemand weiß, wo Sie sind. Sich allein auf ein Mobiltelefon zu verlassen, ist in den Bergen grob fahrlässig. Funklöcher sind die Regel, nicht die Ausnahme. Genau hier kommen Satelliten-Kommunikationsgeräte ins Spiel. Anders als ein Handy, das auf terrestrische Sendemasten angewiesen ist, kommunizieren Geräte wie das Garmin inReach direkt mit Satelliten im Orbit. Das bedeutet: Sie haben globale Abdeckung, selbst im tiefsten Tal oder auf einem abgelegenen Grat.

Die Frage ist nicht mehr „ob“, sondern „wann“ man ein solches Gerät braucht. Allein in Deutschland benötigen laut DRK Bergwacht rund 13.000 Menschen pro Jahr eine notfallmedizinische Versorgung in den Bergen. Ein Satelliten-Tracker bietet hier eine entscheidende System-Redundanz. Er hat drei Kernfunktionen: das Absetzen eines SOS-Notrufs an eine globale Rettungszentrale, das Senden und Empfangen von Textnachrichten an Angehörige oder Rettungsdienste und das Live-Tracking Ihrer Position. Im Ernstfall können Sie nicht nur Hilfe rufen, sondern auch die Art des Notfalls kommunizieren (z.B. „Beinbruch, bei Bewusstsein, Standort X“), was der Rettungsmannschaft wertvolle Zeit spart.

Satelliten-Notrufsystem für alpine Notfälle in Funklöchern

Die Anschaffungskosten und das nötige Abonnement schrecken viele ab. Doch man muss dies in Relation setzen: Was ist ein Menschenleben wert? Für Solo-Wanderer, Touren in abgelegenen Gebieten oder mehrtägige Unternehmungen ist ein Satelliten-Tracker keine Luxusanschaffung, sondern ein integraler Bestandteil der Sicherheitsausrüstung, vergleichbar mit einem Kletterseil oder einer Lawinensonde. Er ist die einzige Garantie, im „Worst Case“ nicht allein zu sein.

Wie viel Lumen braucht Ihre Stirnlampe, um bei Neumond den Weg sicher zu finden?

Licht ist Sicherheit. Es ermöglicht Orientierung, das Erkennen von Gefahren und ist ein wichtiges psychologisches Werkzeug gegen die Angst in der Dunkelheit. Die Angabe „Lumen“ (lm) beschreibt die gesamte Lichtmenge, die eine Lampe abgibt. Doch mehr ist nicht immer besser. Es geht um den richtigen physiologischen Grenzwert für den jeweiligen Zweck. Für Arbeiten im Camp (Kochen, Erste Hilfe) reichen 50-100 Lumen. Um bei völliger Dunkelheit einen unbekannten Pfad sicher zu finden und Hindernisse frühzeitig zu erkennen, sind jedoch mindestens 300-400 Lumen erforderlich. Dieser Wert sorgt für eine ausreichende Leuchtweite (ca. 70-80 Meter) und eine breite Ausleuchtung.

Ein professionelles Lichtkonzept basiert auf System-Redundanz. Verlassen Sie sich niemals auf eine einzige Lampe. Ihr System sollte bestehen aus:

  • Hauptlampe: Eine leistungsstarke Lampe mit 400+ Lumen, mehreren Leuchtstufen, einem Rotlichtmodus (um die Nachtsicht zu erhalten) und idealerweise einem Akku.
  • Backup-Lampe: Eine ultraleichte Notfall-Stirnlampe. Die von Bergführern oft empfohlene Petzl E-Lite wiegt nur 26 Gramm und ist 10 Jahre lagerfähig. Sie gehört an den Schlüsselbund oder fest ins Erste-Hilfe-Set.
  • Energiequelle: Immer ein Satz Ersatzbatterien oder eine vollgeladene Powerbank. Bei Kälte sind Lithium-Batterien die beste Wahl, da sie ihre Leistung deutlich länger halten als Alkaline-Zellen. Die Batterien sollten bei Minusgraden körpernah getragen werden, um sie warm zu halten.

Viele moderne Lampen haben zudem einen Signalmodus (Stroboskop) oder eine Boost-Funktion mit über 500 Lumen. Dieser Modus ist nicht zur Wegfindung gedacht, sondern zur Signalisierung. Ein blinkendes Licht ist aus großer Entfernung, auch für Helikopter, extrem gut sichtbar. Eine gute Stirnlampe ist also nicht nur ein Leuchtmittel, sondern ein multifunktionales Sicherheits- und Signalgerät.

Filter oder Tabletten: Wie machen Sie Wasser aus dem Bergbach sicher trinkbar?

Wasser ist überlebenswichtig, doch ein scheinbar klarer Bergbach kann unsichtbare Gefahren bergen: Bakterien (z.B. E. coli), Protozoen (Giardien, Kryptosporidien) von Weidetieren oder Viren. Ungereinigtes Wasser zu trinken, kann zu schweren Magen-Darm-Erkrankungen führen, die Sie in einer Notsituation handlungsunfähig machen. Dehydration ist gefährlich, eine daraus resultierende Krankheit kann tödlich sein. Daher ist die Fähigkeit zur Wasseraufbereitung eine Kernkompetenz.

Grundsätzlich gibt es drei Methoden: chemische Desinfektion, mechanische Filtration und thermische Entkeimung (Abkochen). Jede hat spezifische Vor- und Nachteile, die eine Entscheidungs-Matrix je nach Situation erfordern. Der Verzehr von Schnee zur Flüssigkeitsaufnahme ist übrigens keine gute Idee: Der Körper verbraucht extrem viel Energie, um den Schnee auf Körpertemperatur zu erwärmen, was die Unterkühlung beschleunigt. Schnee muss immer erst geschmolzen werden.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer Analyse gängiger Survival-Methoden, stellt die wichtigsten Optionen für den Notfall gegenüber.

Wasseraufbereitung im Notfall: Filter vs. Tabletten
Methode Gewicht Wirkzeit Vor-/Nachteile
Micropur-Tabletten 10g für 100L 30-120 Min + Ultraleicht
– Wartezeit
– Chemischer Geschmack
Hohlfaserfilter 50-100g Sofort + Sofort trinkbar
– Kann einfrieren
– Filtert keine Viren
Abkochen Kocher nötig 3-5 Min kochen + Tötet alles ab
– Brennstoff nötig
– Zeitaufwendig

Praxis-Tipp: Wasseraufbereitung bei Minusgraden

Biwak-Profis nutzen eine clevere Methode im Winter: Sie zweigen beim abendlichen Kochen etwas heißes, bereits entkeimtes Wasser ab und füllen es in ihre Trinkflasche. Diese Flasche kommt mit in den Schlafsack und dient als Wärmflasche. Der unschätzbare Vorteil: Am Morgen hat man sofort trinkbares, ungefrorenes Wasser zur Verfügung, ohne erneut Brennstoff verbrauchen zu müssen.

Was gehört in das Set hinein, das über Pflaster hinausgeht (Blasen, Brüche, Schock)?

Ein Standard-Erste-Hilfe-Set ist für den Alltag konzipiert, nicht für einen alpinen Notfall. Am Berg müssen Sie auf ernste Verletzungen vorbereitet sein: Stürze mit Knochenbrüchen, tiefe Schnittwunden oder einen Schockzustand nach einem Unfall. Ihr medizinisches Kit muss daher über Pflaster und Kopfschmerztabletten hinausgehen und Werkzeuge für echtes Krisen-Management enthalten. Ein entscheidender Punkt wird dabei oft übersehen, wie der Bergführer Thomas Wanner vom ÖAV betont:

Bei alpinen Notfällen spielt das Wärmemanagement aber so gut wie immer eine Rolle und mit dem passenden Biwaksack hat man auf jeden Fall schon einmal eine wesentlich bessere Ausgangsposition als mit der Rettungsdecke allein.

– Thomas Wanner, Bergführer und Referat Bergsport des ÖAV

Dies unterstreicht: Jede Verletzung erhöht das Risiko einer Unterkühlung. Das Erste-Hilfe-Set und der Biwaksack sind keine getrennten Systeme, sie wirken zusammen. Ein erweitertes Set, wie es auch die Bergwacht im Einsatz hat, enthält spezialisierte Module. Dazu gehören:

  • SAM-Splint: Eine flexible, formbare Aluminiumschiene, die zur Stabilisierung von Brüchen an Armen und Beinen oder sogar als Halskrause verwendet werden kann.
  • Dreiecktücher: Universell einsetzbar zur Fixierung von Schienen, als Armschlinge oder für Druckverbände.
  • Blutungs-Kontrolle: Mindestens ein Druckverband und idealerweise die Kenntnis zur Anwendung eines Tourniquets bei lebensbedrohlichen Blutungen an den Extremitäten.
  • Blasenmanagement: Nicht nur Pflaster, sondern spezielle Blasenpflaster und Tape zur Prävention. Eine unbehandelte Blase kann eine Tour beenden.
  • Medikamente: Persönliche Medikamente, starke Schmerzmittel (nach ärztlicher Absprache) und Mittel gegen Allergien/Insektenstiche.
  • Zeckenkarte: Speziell in deutschen Mittelgebirgen und den Alpen ein Muss zur Entfernung von Zecken und zur Prävention von FSME/Borreliose.
Professionelle Bergrettungsausrüstung im alpinen Einsatz

Noch wichtiger als das Material ist das Wissen. Der beste SAM-Splint nützt nichts, wenn man nicht weiß, wie man einen Bruch korrekt schient. Ein Erste-Hilfe-Kurs mit Alpin-Schwerpunkt ist die beste Investition in Ihre eigene Sicherheit.

Was bedeutet „20.000 mm Wassersäule“ und ab wann sind Sie wirklich trocken?

Der Begriff „Wassersäule“ ist eine der wichtigsten, aber auch am meisten missverstandenen Kennzahlen bei Outdoor-Ausrüstung. Er beschreibt die Wasserdichtigkeit eines Materials. Technisch gesehen gibt der Wert an, wie viel Millimeter Wasser auf einer Fläche von einem Quadratzentimeter lasten können, bevor der erste Tropfen durchdringt. Eine Angabe von 20.000 mm Wassersäule bedeutet also, dass das Material dem Druck einer 20 Meter hohen Wassersäule standhält. Aber was heißt das in der Praxis?

Die Relevanz dieses Wertes wird im Kontext alpiner Gefahren klar. Gerade im Winter ist Nässe der schnellste Weg in die Unterkühlung, was die hohe Zahl von 4.451 Einsätzen, die allein die Bergwacht Bayern in der Wintersaison 2023/24 bewältigte, verdeutlicht. Nässe entsteht nicht nur durch Regen, sondern auch durch den Druck des eigenen Körpers (z.B. Knien im Schnee) oder der Rucksackgurte. Hier wirken hohe punktuelle Kräfte, die Wasser durch weniger dichte Materialien pressen. Laut Norm gilt ein Stoff ab 1.300 mm als wasserdicht. Für den alpinen Einsatz ist dieser Wert jedoch völlig unzureichend.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer Empfehlung von Experten für Wintertouren, gibt eine realistische Einschätzung, welche Wassersäule für welche Bedingung erforderlich ist.

Wassersäulen-Werte für verschiedene Wetterbedingungen
Wetterbedingung Empfohlene Wassersäule Einsatzbereich
Nieselregen 5.000 mm Kurze Touren, Mittelgebirge
Dauerregen 10.000 mm Tagestouren, normale Bedingungen
Starkregen mit Wind 15.000 mm Mehrtagestouren, exponierte Lagen
Extrembedingungen 20.000+ mm Expeditionen, Wintertouren

Für eine Hardshell-Jacke, eine Regenhose oder einen Biwaksack, die Sie bei einem Notbiwak im Sturm schützen sollen, ist ein Wert von mindestens 15.000 mm, besser 20.000 mm oder mehr, die Untergrenze. Nur so ist gewährleistet, dass auch unter Druck (Wind, Rucksack, Liegen im Nassen) keine Feuchtigkeit eindringt und Ihre kritische Wärmebilanz negativ beeinflusst.

Welche Erste-Hilfe-Skills müssen Sie im Gelände beherrschen, wenn der Rettungswagen 30 Min braucht?

In der Stadt kommt der Rettungswagen in wenigen Minuten. Am Berg kann es Stunden dauern. Diese Zeitspanne, das „therapiefreie Intervall“, müssen Sie als Ersthelfer überbrücken können. Die beste Ausrüstung nützt nichts ohne die Fähigkeit, eine Situation systematisch zu bewerten und die richtigen Prioritäten zu setzen. Professionelle Retter arbeiten nach dem ABCDE-Schema, einem standardisierten Protokoll zur Untersuchung und Behandlung von Traumapatienten. Dieses Schema ist Ihr wichtigstes geistiges Werkzeug im Notfall.

Die Akademie Alpinewelten, die Bergwanderführer ausbildet, betont die Wichtigkeit der korrekten Kommunikation im Notfall. Oft ist die präzise Standortangabe die größte Hürde, wie sie in ihren Leitfäden erklären: „Die Wichtigste und anspruchsvollste der W-Fragen ist die Standortbeschreibung! Idealerweise kannst Du eine Koordinate von einem GPS, Handy, oder einer Uhr richtig ablesen und durchgeben.“ Das ABCDE-Schema gibt Ihnen die Struktur, um danach die richtigen Informationen über den Zustand des Patienten zu liefern.

Jeder Buchstabe steht für eine lebenswichtige Funktion, die in dieser Reihenfolge geprüft und gesichert werden muss. Erst wenn ein Punkt stabil ist, gehen Sie zum nächsten über. Dies verhindert, dass Sie sich auf eine sichtbare, aber vielleicht nicht lebensbedrohliche Verletzung wie einen Knochenbruch konzentrieren, während der Patient an blockierten Atemwegen erstickt.

Ihr Plan für den Notfall: Das ABCDE-Schema

  1. A – Airway (Atemwege): Überprüfen Sie, ob Mund und Rachen frei sind. Bringen Sie den Patienten in eine stabile Seitenlage oder überstrecken Sie den Kopf, um die Zunge vom Rachen fernzuhalten.
  2. B – Breathing (Atmung): Sehen, hören und fühlen Sie, ob der Patient atmet. Prüfen Sie die Atemfrequenz. Bei Atemstillstand: sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen.
  3. C – Circulation (Kreislauf): Suchen Sie nach starken, lebensbedrohlichen Blutungen und stoppen Sie diese mit einem Druckverband. Stabilisieren Sie den Kreislauf durch Schocklage (Beine hoch).
  4. D – Disability (Neurologisches Defizit): Sprechen Sie den Patienten an. Überprüfen Sie die Reaktion der Pupillen. Schützen Sie die Wirbelsäule bei Verdacht auf eine Verletzung (nicht bewegen!).
  5. E – Exposure/Environment (Umwelteinflüsse): Schützen Sie den Patienten sofort vor weiterer Auskühlung mit einer Rettungsdecke oder dem Biwaksack. Bringen Sie ihn, wenn möglich, aus der unmittelbaren Gefahrenzone (Steinschlag, Wasser).

Nachdem Sie diese Schritte durchgeführt und den Patienten stabilisiert haben, setzen Sie den Notruf (112 in Europa) ab. Geben Sie die exakten GPS-Koordinaten durch und beantworten Sie die W-Fragen (Wo, Was, Wie viele, Welche Verletzungen, Warten auf Rückfragen).

Das Wichtigste in Kürze

  • Priorität hat die Abwehr von Wind und Nässe (Konvektion, Evaporation). Ein leichter Biwaksack ist hierfür das wichtigste Werkzeug.
  • Verlassen Sie sich nie auf ein einziges System. Planen Sie Redundanz für kritische Ausrüstung wie Licht, Kommunikation und Feuer.
  • Technische Daten (Lumen, Wassersäule) sind keine Werbung, sondern physikalische Maßeinheiten, die Sie verstehen müssen, um Ihre Ausrüstung korrekt zu bewerten.

Welche 5 Gegenstände brauchen Sie, um eine Nacht im Wald komfortabel zu überstehen?

Nachdem wir die physikalischen und medizinischen Prinzipien des Überlebens beleuchtet haben, lässt sich die Frage nach der essenziellen Ausrüstung präzise beantworten. Es geht nicht um Komfort, sondern um die Aufrechterhaltung der überlebenswichtigen Körperfunktionen. Fünf Gegenstände bilden den Kern jedes Notfall-Kits, egal ob in den Alpen oder im deutschen Mittelgebirge wie dem Schwarzwald. Jedes dieser Elemente adressiert eine der Kernherausforderungen: Kälte, Dunkelheit, Dehydration, Orientierungslosigkeit oder Verletzung.

Diese Liste ist keine Einkaufsliste, sondern das Ergebnis der zuvor besprochenen Prinzipien. Jeder Gegenstand ist ein Werkzeug, dessen Funktion Sie im Detail verstehen müssen. Die Fähigkeit, mit diesen Werkzeugen umzugehen, ist der entscheidende Faktor. Ein Feuerstahl ist nutzlos, wenn man nicht weiß, wie man Zunder findet und vorbereitet.

Überlebenspriorität Feuer

Survival-Experten betonen, dass die Fähigkeit, ein Feuer zu entzünden, eine der wichtigsten Fertigkeiten ist. Es spendet Wärme zur Bekämpfung der Hypothermie, dient als Signal, kocht Wasser ab und bietet einen enormen psychologischen Trost. Ein einfaches Feuerzeug und wasserdicht verpackte Sturmstreichhölzer sind die zuverlässigsten Methoden. Ein Feuerstahl (Schwedenstahl) ist eine exzellente, feuchtigkeitsunempfindliche Redundanz. Das Üben des Feuermachens unter nassen Bedingungen ist eine lebensrettende Fähigkeit.

Überlebensausrüstung für Notübernachtung im deutschen Wald

Die 5 essenziellen Überlebensgegenstände sind:

  1. Schutz vor den Elementen (Biwaksack): Ihre erste Verteidigungslinie gegen Wind und Regen. Erhält Ihre kritische Wärmebilanz.
  2. Lichtquelle (Stirnlampe mit Ersatzbatterien): Ermöglicht Handlungsfähigkeit in der Dunkelheit, Navigation und Signalgebung.
  3. Feuerquelle (Feuerzeug/Feuerstahl): Quelle für Wärme, Licht, psychologischen Halt und zur Wasseraufbereitung.
  4. Wasseraufbereitung (Filter oder Tabletten): Verhindert Dehydration und schwächende Krankheiten.
  5. Schnittwerkzeug (Messer): Ein robustes Messer ist ein universelles Werkzeug zum Bauen eines Unterschlupfs, zur Vorbereitung von Zunder oder zur Versorgung von Verletzungen.

Ihre Vorbereitung auf den „Worst Case“ endet nicht mit dem Kauf von Ausrüstung. Sie beginnt damit. Auditieren Sie Ihren Rucksack nicht anhand einer Liste, sondern anhand der Prinzipien, die Sie hier gelernt haben. Fragen Sie sich bei jedem Gegenstand: „Welches physikalische oder physiologische Problem löst dieser Gegenstand für mich im Notfall?“ Nur wenn Sie diese Frage beantworten können, sind Sie wirklich vorbereitet. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Wissen zu vertiefen und Ihre Fähigkeiten zu trainieren.

Geschrieben von Lena Huber, Staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin (IVBV) und Expertin für Outdoor-Ausrüstung. Sie führt seit einem Jahrzehnt Touren in den Alpen und testet professionell Equipment für Fachmagazine.