
Ihre Wetter-App ist ein mächtiges Werkzeug, aber sie ist reaktiv. Die wahre Sicherheit am Berg liegt darin, die atmosphärische Physik selbst zu lesen und Wetteränderungen proaktiv zu antizipieren.
- Wolkenformationen verraten die tatsächliche Windstärke am Gipfel, nicht nur die Prognose.
- Ein schneller Druckabfall auf Ihrer Uhr ist das verlässlichste Frühwarnsignal für eine nahende Front.
- Die Tageszeit diktiert im Sommer das Risiko für Wärmegewitter, ein Faktor, den Sie selbst steuern können.
Empfehlung: Nutzen Sie Ihre Outdoor-Uhr nicht nur zur Zeitmessung, sondern als wissenschaftliches Instrument zur Überwachung des Luftdrucks – es ist Ihr wichtigster Verbündeter.
Das Gefühl ist trügerisch vertraut: Ein letzter Blick auf die Wetter-App, die für die nächsten Stunden nur leichte Bewölkung verspricht, und schon schnüren Sie die Wanderschuhe. Doch in den Bergen gelten eigene Gesetze. Die App auf Ihrem Smartphone ist ein beeindruckendes Stück Technik, das auf komplexen Computermodellen basiert. Sie zeigt Ihnen jedoch nur eine grobe Prognose für eine Region, nicht die Realität in genau dem Talkessel oder auf dem Grat, auf dem Sie sich gerade befinden. Das System Gebirge ist ein aktiver Mitspieler, der das Wetter lokal dramatisch verändert – eine Tatsache, die globale Modelle oft nur unzureichend abbilden können.
Die gängigen Ratschläge – früh starten, den Himmel beobachten – sind zwar korrekt, bleiben aber oft an der Oberfläche. Sie sagen Ihnen, *was* Sie tun sollen, aber nicht, *warum*. Die wahre Autonomie und Sicherheit am Berg entsteht nicht durch blindes Vertrauen in Technik, sondern durch das Verständnis der atmosphärischen Physik. Es geht darum, die Zeichen der Natur nicht nur zu sehen, sondern sie zu lesen und zu interpretieren. Ein aufziehender Turm aus Wolken ist nicht nur „schlechtes Wetter“, es ist eine sichtbare Manifestation von aufsteigender, feuchter Luft, die eine enorme Energieladung in sich trägt.
Dieser Artikel bricht mit der passiven Rolle des App-Nutzers. Statt Ihnen nur eine weitere Checkliste zu geben, lehrt er Sie, die Sprache der Atmosphäre zu entschlüsseln. Sie werden lernen, wie Sie Ihre Uhr als präzises Barometer einsetzen, die Temperaturdifferenz zwischen Tal und Gipfel exakt berechnen und Wolkenformationen wie ein erfahrener Meteorologe deuten. Das Ziel ist es, Ihnen das Wissen zu vermitteln, um die Wetterentwicklung selbstständig zu bewerten und die entscheidenden 30 Minuten Vorsprung zu gewinnen, die über Sicherheit und Risiko entscheiden können.
Für all jene, die eine visuelle Ergänzung zu den praktischen Tipps dieses Artikels suchen, fasst das folgende Video die wichtigsten Verhaltensregeln zusammen, wenn Sie bereits von einem Gewitter überrascht wurden. Es dient als perfekte Ergänzung zu den hier vorgestellten Präventionsstrategien.
Um die komplexen Zusammenhänge des Bergwetters strukturiert zu verstehen, führt dieser Artikel Sie durch die acht wichtigsten Indikatoren und Wissensbereiche. Jeder Abschnitt baut auf dem vorherigen auf und verwandelt Sie schrittweise von einem passiven Wetterkonsumenten zu einem aktiven Wetterbeobachter.
Inhaltsverzeichnis: Wie Sie die Sprache des Bergwetters entschlüsseln
- Was verraten Ihnen Lenticularis-Wolken (Föhnfische) über den Wind am Gipfel?
- Warum ist ein rapider Druckabfall auf Ihrer Uhr das wichtigste Warnsignal?
- Wie berechnen Sie, wie kalt es auf 2000m ist, wenn im Tal 20 Grad sind (Lapse Rate)?
- Warum regnet es im Stau der Berge, während im Tal die Sonne scheint?
- Wann müssen Sie im Sommer starten, um vor den Wärmegewittern wieder sicher unten zu sein?
- Warum müssen Sie sich im Winter doppelt so lange aufwärmen wie im Sommer?
- Was bedeutet „20.000 mm Wassersäule“ und ab wann sind Sie wirklich trocken?
- Warum ist das Handy im tiefen Tal oder bei Kälte unzuverlässig?
Was verraten Ihnen Lenticularis-Wolken (Föhnfische) über den Wind am Gipfel?
Sie sehen aus wie Ufos oder Linsen, die unbeweglich am Himmel schweben, oft in leuchtenden Farben bei Sonnenauf- oder -untergang: Lenticularis-Wolken, im Alpenraum auch als „Föhnfische“ bekannt. Diese Formationen sind weit mehr als nur ein malerisches Fotomotiv; sie sind ein unmissverständliches Warnsignal für extrem starke Höhenwinde. Ihre scheinbare Unbeweglichkeit ist eine Illusion. In Wirklichkeit strömt die Luft mit enormer Geschwindigkeit durch sie hindurch. Sie entstehen, wenn schnelle, stabile Luftströmungen über ein Gebirge gezwungen werden und auf der windabgewandten Seite (Lee) in eine Wellenbewegung geraten.
Der Deutsche Wetterdienst erklärt, dass diese Wellen die Luft an den Wellenbergen zum Aufsteigen und Kondensieren zwingen, wodurch die Wolke entsteht, und an den Wellentälern zum Absinken und Auflösen. Das bedeutet, dass die Wolke selbst stationär bleibt, während der Wind hindurchrast. Wenn Sie Föhnfische am Himmel sehen, können Sie davon ausgehen, dass am Gipfel und auf den Graten ein Sturm tobt, selbst wenn es im Tal noch windstill ist. Diese Winde können gefährliche Böen entwickeln, die das Gehen erschweren und die gefühlte Temperatur drastisch senken. Föhnlagen sind berüchtigt für ihre plötzlichen und heftigen Wetterumschwünge. Beobachtungen von Experten zeigen, dass in solchen Lagen extreme Windgeschwindigkeiten auftreten können, die eine ernsthafte Gefahr darstellen. Die Präsenz von Lenticularis-Wolken ist daher ein klares Signal, exponierte Grate und Gipfel zu meiden.
Warum ist ein rapider Druckabfall auf Ihrer Uhr das wichtigste Warnsignal?
Während Wolken sichtbare Boten des Wetters sind, liefert der Luftdruck die unsichtbare, aber wichtigste Information über bevorstehende Veränderungen. Ein fallender Luftdruck ist das zuverlässigste Zeichen dafür, dass sich eine Tiefdruckzone nähert, die fast immer mit einer Wetterverschlechterung, Wolkenbildung und Niederschlag verbunden ist. Moderne Outdoor-Uhren mit Barometer sind daher keine Spielerei, sondern ein wissenschaftliches Instrument für Ihre Sicherheit. Anders als eine Wetter-App, die auf regionalen Modellen basiert, misst Ihre Uhr den tatsächlichen Druck vor Ort und in Echtzeit. Ein plötzlicher, signifikanter Abfall ist ein Alarmsignal, das Sie lange vor den ersten Regentropfen oder Sturmböen warnt.

Dieser messbare Indikator ist Ihre objektivste Entscheidungsgrundlage. Anstatt zu spekulieren, ob die dunklen Wolken am Horizont näherkommen, gibt Ihnen der Druckabfall eine klare, quantifizierbare Warnung. Viele Uhren bieten sogar eine Sturmwarnfunktion, die bei einem schnellen Abfall automatisch einen Alarm auslöst. Diese Funktion sollten Sie vor jeder Tour aktivieren. Der Schlüssel liegt darin, nicht nur auf den absoluten Druckwert zu achten, sondern vor allem auf die Tendenz und Geschwindigkeit der Veränderung. Ein langsamer, stetiger Abfall über 12 Stunden ist weniger alarmierend als ein steiler Sturz innerhalb von zwei bis drei Stunden, der oft ein Gewitter oder eine Kaltfront ankündigt.
Ihre Checkliste zur Gewittererkennung per Uhr
- Barometer-Funktion Ihrer Outdoor-Uhr aktivieren und vor dem Start auf die aktuelle Höhe kalibrieren, um druckbedingte Höhenänderungen von echten Wetteränderungen zu unterscheiden.
- Stündliche Druckwerte manuell beobachten oder die automatische Sturmwarnfunktion bei einem Abfall von 3 hPa (Hektopascal) oder mehr innerhalb von 3 Stunden einstellen.
- Bei einem bestätigten Druckabfall von mehr als 3 hPa in 3 Stunden die Tour sofort abbrechen oder eine sichere Schutzhütte ansteuern. Dies ist ein hochgradig verlässliches Signal für eine nahende Front.
- Die Entfernung eines bereits aktiven Gewitters mit der Blitz-Donner-Regel überprüfen: Zählen Sie die Sekunden zwischen Blitz und Donner und teilen Sie sie durch drei. Das Ergebnis ist die ungefähre Entfernung in Kilometern.
- Bei weniger als 10 Sekunden zwischen Blitz und Donner (ca. 3 km Entfernung) ist die Gefahr unmittelbar. Suchen Sie sofort Schutz und meiden Sie exponierte Stellen, Wasserläufe und einzelne Bäume.
Wie berechnen Sie, wie kalt es auf 2000m ist, wenn im Tal 20 Grad sind (Lapse Rate)?
Ein häufiger Fehler bei der Tourenplanung ist die Unterschätzung des Temperaturabfalls mit zunehmender Höhe. Die angenehmen 20°C im Tal können sich am Gipfel wie Winter anfühlen, besonders wenn Wind hinzukommt. Dieses Phänomen lässt sich mit der sogenannten „Lapse Rate“ oder dem vertikalen Temperaturgradienten präzise berechnen. Als Faustregel gilt in den Alpen eine Abkühlung von etwa 1°C pro 100 Höhenmeter bei trockener Luft. Dieser Wert basiert auf der physikalischen Eigenschaft von Luft, sich beim Aufsteigen auszudehnen und dabei abzukühlen, bekannt als trockenadiabatische Temperaturabnahme.
Wenn Sie also eine Tour von einem Tal auf 500 Metern zu einem Gipfel auf 2000 Metern planen, überwinden Sie 1500 Höhenmeter. Das bedeutet eine theoretische Temperaturabnahme von 15°C. Aus den 20°C im Tal werden am Gipfel also nur noch 5°C. Dieser Wert gilt jedoch nur bei Windstille. Kommt der gefürchtete Windchill-Effekt hinzu, sinkt die gefühlte Temperatur noch weiter. Ein mäßiger Wind von 30 km/h kann die gefühlte Temperatur bei 5°C bereits in den Minusbereich drücken. Diese Berechnung ist entscheidend für die Wahl der richtigen Kleidung und kann den Unterschied zwischen einer angenehmen Tour und einer gefährlichen Unterkühlung ausmachen.
Die folgende Tabelle veranschaulicht diesen Effekt und sollte eine Grundlage für jede Tourenplanung sein, um die richtige Ausrüstung einzupacken.
| Höhe | Temperatur (bei 20°C im Tal) | Mit Windchill bei 30 km/h |
|---|---|---|
| 500m (Tal) | 20°C | 20°C |
| 1000m | 15°C | 11°C |
| 1500m | 10°C | 4°C |
| 2000m | 5°C | -2°C |
| 2500m | 0°C | -8°C |
Warum regnet es im Stau der Berge, während im Tal die Sonne scheint?
Das Phänomen ist Bergsteigern wohlbekannt: Sie starten im Tal bei Sonnenschein, doch je höher Sie steigen, desto dichter werden die Wolken, bis Sie schließlich im Nebel und Regen stehen. Dies ist das klassische Ergebnis eines „Staus“ oder einer orografischen Hebung. Wenn eine feuchte Luftmasse auf ein Gebirge trifft, wird sie gezwungen, aufzusteigen. Durch das Aufsteigen kühlt sich die Luft ab (siehe Lapse Rate). Da kalte Luft weniger Feuchtigkeit speichern kann als warme, erreicht sie irgendwann den Taupunkt. Die Feuchtigkeit kondensiert, es bilden sich Wolken, und schließlich beginnt es zu regnen oder zu schneien. Diese Seite des Berges wird als Luv-Seite bezeichnet.
Währenddessen passiert auf der anderen, windabgewandten Seite (Lee-Seite) das genaue Gegenteil. Die nun trockene Luft sinkt ab, erwärmt sich dabei und die verbleibenden Wolken lösen sich auf. Dies führt oft zu sonnigem, warmem und trockenem Wetter. Dieses Phänomen ist als Föhn-Effekt bekannt und prägt das Wetter im gesamten Alpenraum entscheidend. Ein eindrückliches Beispiel für diesen Effekt sind die bayerischen Alpen bei Südföhn. Wie eine Analyse von Wetterereignissen zeigt, stauen sich bei einer südlichen Strömung die Wolken auf der Alpensüdseite (Italien, Österreich) und führen dort zu starken Niederschlägen. Gleichzeitig sorgt der Föhn auf der Alpennordseite (Bayern) für strahlenden Sonnenschein und ungewöhnlich hohe Temperaturen, die selbst im Winter 15-20°C erreichen können. Für Bergsteiger bedeutet das: Die Wettervorhersage für das Tal kann komplett irrelevant sein, wenn man auf der „falschen“ Seite des Berges unterwegs ist. Die Windrichtung ist der entscheidende Faktor.
Wann müssen Sie im Sommer starten, um vor den Wärmegewittern wieder sicher unten zu sein?
Sommergewitter in den Bergen sind besonders tückisch, da sie sich oft bei scheinbar bestem Wetter entwickeln. Anders als Frontgewitter, die mit einer großen Schlechtwetterzone verbunden sind, entstehen Wärmegewitter lokal durch die starke Sonneneinstrahlung. Der Mechanismus ist einfach: Die Sonne heizt die bodennahe Luft auf. Diese warme, feuchte Luft ist leichter als die umgebende kühlere Luft und beginnt aufzusteigen. Dieser Prozess, Konvektion genannt, führt zur Bildung von Quellwolken (Cumulus). Solange diese wie harmlose Wattebäusche aussehen, ist die Lage stabil. Wachsen sie jedoch schnell in die Höhe und bilden ambossförmige Strukturen (Cumulonimbus), ist dies ein Zeichen für ein bevorstehendes, oft heftiges Gewitter mit Starkregen, Hagel und Blitzeinschlägen.

Der entscheidende Faktor bei Wärmegewittern ist die Tageszeit. Die stärkste Sonneneinstrahlung und damit die größte Energie für die Gewitterbildung liegt am Nachmittag. Aus diesem Grund ist ein extrem früher Start bei Sommertouren keine übertriebene Vorsicht, sondern eine strategische Notwendigkeit. Statistiken bestätigen diese Erfahrung eindrücklich: Laut Analysen des Österreichischen Alpenvereins finden rund 80% der Sommergewitter zwischen 14:00 und 18:00 Uhr statt. Das Zeitfenster für eine sichere Tour ist also deutlich kürzer als der lichte Tag.
Ein bewährtes Zeitmanagement für hochalpine Sommertouren sieht daher wie folgt aus:
- Start bei Dunkelheit: Beginnen Sie Ihre Tour spätestens mit der ersten Morgendämmerung (z.B. zwischen 5:00 und 6:00 Uhr).
- Gipfel bis Mittag: Planen Sie, den höchsten Punkt Ihrer Tour bis spätestens 11:00 Uhr zu erreichen.
- Abstieg vor dem Höhepunkt: Beginnen Sie den Abstieg deutlich vor 12:00 Uhr.
- Sicherheit am Nachmittag: Stellen Sie sicher, dass Sie bis 15:00 Uhr wieder im Tal oder in einer sicheren Hütte sind.
- Frühwarnzeichen: Bilden sich bereits vor 10:00 Uhr morgens schnell wachsende Quellwolken, ist dies ein Alarmsignal. Brechen Sie die Tour ab oder kehren Sie um.
Warum müssen Sie sich im Winter doppelt so lange aufwärmen wie im Sommer?
Während im Sommer die Hitze eine Gefahr darstellt, ist es im Winter die Kälte, die oft subtil, aber nicht weniger gefährlich ist. Besonders die Phase direkt zu Beginn einer Tour ist kritisch. Bei kalten Temperaturen sind Muskeln, Sehnen und Bänder weniger durchblutet und elastisch. Das Verletzungsrisiko, insbesondere für Zerrungen, ist in den ersten 30 Minuten einer Wintertour signifikant erhöht. Ein kurzes Dehnen wie im Sommer reicht nicht aus. Der Körper benötigt eine längere, dynamische Aufwärmphase, um das Herz-Kreislauf-System anzukurbeln und die Muskulatur auf „Betriebstemperatur“ zu bringen.
Ein erfahrener Bergführer fasst diese Notwendigkeit prägnant zusammen:
Nach 20 Jahren als Bergführer habe ich gelernt: Im Winter braucht der Körper mindestens 15-20 Minuten dynamisches Aufwärmen, bevor man startet. Die meisten Verletzungen passieren in den ersten 30 Minuten der Tour, wenn der Körper noch nicht auf Betriebstemperatur ist.
– Anonymer Bergführer, zitiert auf Bergwelten.com
Doch die Gefahr der Kälte endet nicht mit dem Ende der Tour. Ein oft unterschätztes Phänomen ist der sogenannte „After-Drop“. Wenn Sie nach einer anstrengenden, kalten Tour eine warme Hütte betreten, kann Ihre Körperkerntemperatur paradoxerweise weiter absinken. Der Grund: Beim Aufwärmen weiten sich die Blutgefäße in Armen und Beinen. Das kalte Blut aus der Peripherie fließt zurück zum Körperkern und kühlt diesen weiter ab. Dies kann zu starkem Zittern und im Extremfall zu einem lebensgefährlichen Zustand führen. Deshalb ist es entscheidend, nasse Kleidung sofort gegen trockene zu wechseln und sich langsam mit warmen, zuckerhaltigen Getränken aufzuwärmen, bevor man sich an den Kamin setzt.
Was bedeutet „20.000 mm Wassersäule“ und ab wann sind Sie wirklich trocken?
Wenn es um Regenbekleidung geht, werden Sie mit technischen Begriffen wie „Wassersäule“ konfrontiert. Dieser Wert gibt an, wie wasserdicht ein Material ist. Eine Wassersäule von 20.000 mm bedeutet, dass man einen Zylinder mit einem Durchmesser von einem Zoll auf den Stoff stellen und ihn 20 Meter (oder 20.000 mm) hoch mit Wasser füllen könnte, bevor der Druck das Wasser durch das Material drückt. Je höher der Wert, desto widerstandsfähiger ist die Jacke gegen das Eindringen von Wasser. In der Praxis ist dieser Wert entscheidend dafür, ob Sie bei einem Wolkenbruch trocken bleiben oder nicht.
Für den Einsatz in den Bergen ist eine hohe Wassersäule unerlässlich. Eine Jacke mit 5.000 mm mag für einen kurzen Stadtspaziergang ausreichen, aber unter dem Druck von Rucksackgurten oder bei längerem, starkem Regen wird sie schnell an ihre Grenzen stoßen. Der Druck, der durch die Träger eines schweren Rucksacks auf Ihre Schultern ausgeübt wird, kann den Wasserdruck eines normalen Regenschauers um ein Vielfaches übersteigen und Feuchtigkeit durch eine minderwertige Membran pressen. Für ernsthafte Bergtouren gelten daher Werte ab 10.000 mm als wasserdicht, wobei 20.000 mm als Goldstandard für zuverlässigen Schutz bei extremen Bedingungen angesehen werden.
Die folgende Tabelle gibt einen praktischen Überblick, welche Wassersäule für welchen Einsatzzweck geeignet ist und hilft bei der Wahl der richtigen Ausrüstung.
| Wassersäule | Wasserdichtigkeit | Geeignet für |
|---|---|---|
| 5.000 mm | Wasserabweisend | Leichter Regen, kurze Schauer |
| 10.000 mm | Wasserdicht | Normaler Regen, Tageswanderungen |
| 20.000 mm | Sehr wasserdicht | Starkregen, Mehrtagestouren |
| 28.000 mm | Extrem wasserdicht | Expeditionen, Dauerregen |
Das Wichtigste in Kürze
- Ihre Outdoor-Uhr ist Ihr wichtigstes Frühwarnsystem: Ein Druckabfall von 3 hPa in 3 Stunden kündigt zuverlässig eine Wetterfront an.
- Lenticularis-Wolken („Föhnfische“) signalisieren extreme Windgeschwindigkeiten am Gipfel, auch wenn es im Tal windstill ist.
- Im Sommer ist das Timing entscheidend: Starten Sie vor Sonnenaufgang und seien Sie vor 14:00 Uhr vom Gipfel zurück, um Wärmegewittern zu entgehen.
Warum ist das Handy im tiefen Tal oder bei Kälte unzuverlässig?
In einer Zeit, in der das Smartphone zum ständigen Begleiter geworden ist, wächst die Versuchung, sich auch am Berg voll auf seine Dienste zu verlassen – für die Navigation, den Wetterbericht und den Notruf. Doch gerade in den Bergen offenbart die Technologie ihre größten Schwächen. Die zwei Hauptprobleme sind mangelnder Empfang und die extreme Anfälligkeit des Akkus bei Kälte. In tiefen Tälern, engen Schluchten oder auf der von Sendemasten abgewandten Seite eines Berges gibt es oft keinen Mobilfunkempfang. Sich allein auf Online-Karten zu verlassen, ist daher grob fahrlässig. Offline-Karten, die vor der Tour heruntergeladen werden, sind ein absolutes Muss.
Das zweite, oft unterschätzte Problem ist die Kälte. Lithium-Ionen-Akkus, wie sie in allen modernen Smartphones verbaut sind, verlieren bei niedrigen Temperaturen drastisch an Leistung. Die chemischen Prozesse im Akku verlangsamen sich, der Innenwiderstand steigt und die verfügbare Kapazität sinkt rapide. Untersuchungen zur Lithium-Ionen-Technologie zeigen einen Kapazitätsverlust von bis zu 50% bei Temperaturen um -20°C. Das bedeutet, ein voll geladener Akku kann sich innerhalb von Minuten entleeren, wenn das Gerät der Kälte ausgesetzt ist – genau dann, wenn Sie es im Notfall am dringendsten benötigen.
Die Verlässlichkeit Ihrer digitalen Helfer ist also stark begrenzt. Um die Funktionstüchtigkeit im Ernstfall zu gewährleisten, sind einige Schutzmaßnahmen unerlässlich:
- Körpernah tragen: Bewahren Sie Ihr Handy in einer Innentasche Ihrer Jacke auf, um es durch Ihre Körperwärme zu schützen.
- Powerbank warmhalten: Auch eine Powerbank ist kälteempfindlich. Tragen Sie sie ebenfalls körpernah.
- Offline-Karten nutzen: Laden Sie das benötigte Kartenmaterial vor jeder Tour für die Offline-Nutzung herunter.
- Backup-Systeme einplanen: Führen Sie auf anspruchsvollen oder abgelegenen Touren immer eine gedruckte Karte und einen Kompass mit oder erwägen Sie ein Satelliten-Notrufgerät.
- Isolierte Hülle verwenden: Spezielle isolierte Handyhüllen können den Akku zusätzlich vor Kälte schützen.
Ihre Ausrüstung, so fortschrittlich sie auch sein mag, kann Ihr Wissen und Ihre Erfahrung niemals ersetzen. Beginnen Sie noch heute damit, diese Indikatoren auf Ihren Touren bewusst zu beobachten und Ihre Wahrnehmung zu schärfen. Ihre Sicherheit ist Ihre wichtigste Ausrüstung.
Häufige Fragen zur Wasserdichtigkeit von Funktionskleidung
Warum wird meine 20.000mm Jacke trotzdem nass?
Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Erstens übt der Rucksack, insbesondere die Schulter- und Hüftgurte, einen punktuellen Druck aus, der die angegebene Wassersäule lokal überwinden und Feuchtigkeit durch die Membran pressen kann. Zweitens lässt die dauerhaft wasserabweisende Imprägnierung (DWR) der Außenschicht mit der Zeit nach. Wenn der Oberstoff sich mit Wasser vollsaugt, kann die Membran nicht mehr „atmen“, und der Schweiß von innen kondensiert – Sie werden also von innen nass, auch wenn die Jacke von außen dicht ist.
Was ist wichtiger: Wassersäule oder Atmungsaktivität?
Beides ist untrennbar miteinander verbunden und gleich wichtig für den Komfort am Berg. Eine extrem hohe Wassersäule ist nutzlos, wenn die Jacke nicht atmungsaktiv ist. Bei körperlicher Anstrengung würden Sie so stark schwitzen, dass Sie von innen komplett durchnässt wären. Eine gute Funktionsjacke bietet eine ausgewogene Balance: Sie verhindert, dass Wasser von außen eindringt, während sie gleichzeitig Schweiß in Form von Wasserdampf von innen nach außen transportiert.
Wie oft muss ich nachimprägnieren?
Eine genaue Regel gibt es nicht, da es von der Nutzungshäufigkeit und der Anzahl der Wäschen abhängt. Ein klares Zeichen ist, wenn Wasser nicht mehr vom Oberstoff abperlt (der sogenannte „Lotuseffekt“), sondern in das Gewebe einzieht und dunkle Flecken bildet. Spätestens dann sollten Sie die DWR-Imprägnierung erneuern. Als Faustregel kann man von einer notwendigen Nachimprägnierung nach etwa 5 bis 10 Wäschen ausgehen.